Mies van der Rohe. Die Collagen aus dem Museum of Modern Art, New York

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Georg-Schäfer-Museum Schweinfurt
Foto: Schweinfurt 360°

Das Museum Georg Schäfer zeigt noch bis 28. Mai 2017 die Sonderausstellung „Mies van der Rohe. Die Collagen aus dem Museum of Modern Art“

(Schweinfurt 360°). Ludwig Mies van der Rohe (18861969), einer der bedeutendsten Architekten des 20. Jahrhunderts, schuf zwischen 1910 und 1965 eine Vielzahl von Collagen und Fotomontagen, die auf faszinierende Weise die Gestaltungsprinzipien seiner Architektur verdeutlichen. Diese meist großformatigen Arbeiten sind weit mehr als skizzenhafte Begleiter des architektonischen Entstehungsprozesses: Sie sind eigenständige Kunstwerke, die überwiegend frei von Zweckgebundenheit und praktischen Zwängen die reine Vision Mies van der Rohes zeigen, die Essenz seiner Ideenfindung im abstrakten Raum.

Die in Kooperation mit dem Ludwig Forum Aachen konzipierte Ausstellung präsentiert mit einem umfangreichen Konvolut an Leihgaben aus dem New Yorker Museum of Modern Art erstmalig in dieser Gesamtheit die Collagen und Fotomontagen des in Aachen geborenen Architekten insgesamt rund 50 Arbeiten. Sie werden begleitet und kommentiert von ausgewählten Werken der Klassischen Moderne.

Kaum eine bildnerische Technik reflektiert die ästhetischen Prinzipien, den Zeitgeist und das Lebensgefühl der Moderne wie die der Collage bzw. Montage. Der durch Krieg, Revolution und Industrialisierung geprägte Erfahrungs- und Wahrnehmungswandel schlägt sich zu Beginn des 20. Jahrhunderts gleichermaßen in Zeitungen und Magazinen, in den bildenden und darstellenden Künsten nieder. Schon früh kamen Collage und Fotomontage auch in der Architektur zur Anwendung. Unter dem Einfluss von Dada, Konstruktivismus und De Stijl nutzte Mies van der Rohe wie kaum ein anderer Architekt diese neuen Bildtechniken, um seine künstlerischen Ideen zum Neuen Bauen in Wettbewerben, Ausstellungen und Zeitschriften zu visualisieren. Abrupte Blickwechsel, die Freiheit von Perspektive, Ort und Zeit, das Montieren von vorgefundenen Elementen und eine auf verschiedene Materialien konzentrierte Ästhetik, wie sie bei Mies zum Einsatz kommen, stehen in einem historischen Kontext zu Künstlern und Experimentalfilmern der künstlerischen Avantgarde.

Betrachtet man diesen Kontext, ist es umso erstaunlicher, dass sich diesem besonderen Teil des Werkes von Ludwig Mies van der Rohe bisher keine eigene Ausstellung oder Publikation monografisch gewidmet hat. Dabei verdienen die Collagen und Fotomontagen gerade vor dem Hintergrund ihrer engen Verbindung zu den avantgardistischen Techniken und Kunstformen und ihrem Einfluss auf den Architekten eine genaue Betrachtung. Dieses Desiderats nehmen sich das Ludwig Forum Aachen und das Museum Georg Schäfer mit der Ausstellung Mies van der Rohe. Die Collagen aus dem Museum of Modern Art, New York, an weltweit zum ersten Mal und erstmals in diesem Umfang.

Die ausgewählten Werke spielen einerseits eine Rolle als Entwurfsillustrationen für eine potenzielle zukünftige Architektur. Projekte wie Museum For a Small City (1941-43), Concert Hall (1942), Theater (1947) oder Convention Hall (1954) zeigen ideale Räume und sind in der architektonischen wie künstlerischen Ästhetik ihrer Zeit Ausnahme­erscheinungen.

Die Bedeutung der Collagen geht aber weit über eine Begleiter-Rolle des Entwurfsprozesses hinaus. Gerade weil sie völlig frei, ohne den Zwang architektonischer Funktionalität, mit visionären Raumkonstellationen spielen können, sind sie autonom und gewähren so einen tiefen Einblick in den konzeptionellen und künstlerischen Schaffensprozess. Sie zeigen die ideale Grundidee, aus der sich die Architektur ableitet meisterhafte concetti des 20. Jahrhunderts.

Mies trifft Wassily Kandinsky, Paul Klee und Wilhelm Lehmbruck

Die Ausstellung spannt ihren zeitlichen Bogen von einem ersten, noch von Ludwig Mies van der Rohe und seinem Bruder Ewald Mies gemeinsam eingereichten Entwurf für das Bismarck-Denkmal am Rhein (1910) über seine visionären Entwürfe für Glashochhäuser (1922) und seine Tätigkeit in den USA ab 1938 bis hin zu seinen späten Werken wie dem Entwurf für die Neue Nationalgalerie in Berlin aus den 1960er Jahren.

Mies verwendete in vielen Collagen Kunstwerke von befreundeten oder sehr geschätzten Künstlern, deren Werke er selbst sammelte und die im Kontext seiner Ästhetik für ihn offenbar eine besondere Bedeutung hatten. Dazu gehören etwa Paul Klee oder Wassily Kandinsky, von denen ausgewählte Werke in der Ausstellung gezeigt werden. Besonders beeindruckend ist Mies freier Umgang mit Ölgemälden oder Aquarellen kleiner oder mittlerer Größe, deren Reproduktionen er teilweise zu geradezu monumentaler Größe aufbläst, dreht, spiegelt und in meist nur kleinen Ausschnitten in seinen Collagen verwendet. Im Zusammenspiel dieser Zitate mit realen Materialien wie Holzfurnier, Stoff oder auch Glas und Fotografien entsteht ein spannungsvolles Verhältnis zur architektonischen Zeichnung, das zugleich den Aufbau einer überzeugenden Darstellung strukturierter Räumlichkeit unterstützt.

Mies und Schweinfurt

Die Schweinfurter Präsentation zeigt die Collagen in Zusammenhang mit einem konkreten Architekturprojekt: den Entwürfen für ein Museum Georg Schäfer aus den Jahren 1960-62. Zu ihrer Illustration gehören Originalpläne und Fotomontagen aus Privatbesitz, die nur in Schweinfurt gezeigt werden können. Packend wird die Collage als eigenes künstlerisches Medium neben Plänen und Modellen deutlich.

Zudem bietet sich in Schweinfurt ein zweifaches Architekturerlebnis: die Architektur-Entwürfe und Collagen von Mies van der Rohe treffen auf den hier zwischen 1998 und 2000 realisierten Museumsbau von Volker Staab.

Die Ausstellung findet in Kooperation mit dem Ludwig Forum Aachen statt. Sie war in Aachen vom 28. Oktober 2016 bis 12. Februar 2017 zu sehen.

Ausstellungsidee: Brigitte Franzen
Kurator der Ausstellung in Schweinfurt: Wolf Eiermann
Kuratoren in Aachen: Andreas Beitin und Holger Otten

Unter der Schirmherrschaft von Barbara Hendricks, Bundesministerin für Umwelt, Naturschutz, Bau und Reaktorsicherheit.

Fakten:

  • Die Schau zeigt rund 50, meist großformatige Fotomontagen und Collagen des Architekten Ludwig Mies van der Rohe weltweit erstmals in diesem Umfang zu sehen.
  • An markanten Stellen treten die Arbeiten in Korrespondenz zu einzelnen, ausgewählten Werken von Künstlern, die in unmittelbarem Bezug zu den Collagen stehen, darunter Werke von Wassily Kandinsky, Paul Klee und Wilhelm Lehmbruck.
  • Zu dem Projekt eines Museums für die Sammlung Georg Schäfer werden erstmals Pläne und Entwürfe ausgestellt.

Eintrittspreise:

Erwachsene: 9 €
Ermäßigt: 8 € (Schwerbehinderte und Gruppen ab 10 Personen)